Aus Scheitern lernen!

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ForE 5_2020

Aus Scheitern lernen! In diesem Heftschwerpunkt wird ein altes aber immer noch zentrales Thema aufgegriffen, das in der Jugendhilfe schon sehr lange diskutiert wird: Die mit der Gewährung der Hilfe verbundenen Ziele werden nicht erreicht; Hilfen werden abgebrochen; Kinder, Jugendliche oder Familien sehen die angebotene Hilfe als nicht (ausreichend) hilfreich an, fühlen sich nicht verstanden oder zu Unrecht mit negativen Zuschreibungen konfrontiert; die Beteiligten wirken nicht so mit, dass die von ihnen erwarteten Resultate eintreten, verändern sich oder ihr Verhalten nicht wie geplant. Es gibt zahlreiche Beschreibungen und Zuschreibungen für unbefriedigende Hilfeverläufe von den verschiedenen, an der Hilfe beteiligten Akteur*innen.

Die Möglichkeit des Scheiterns von Hilfen scheint zum einen nicht vollständig vermeidbar. Zum anderen wirkt sie sich als nicht näher analysierter gedanklicher Horizont verengend auf den Versuch einer konstruktiven Praxisgestaltung aus, die am Nutzen für die Adressat*innen orientiert ist. Daher lohnt es sich, das Thema aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten– nicht weil Scheitern dadurch gänzlich vermieden werden kann, eher weil uns kritische und offen geführte Debatten über das Fehlerhafte und Unzureichende in Hilfen dringend benötigte Hinweise liefern können, die zu einem etwas besseren Gelingen von Hilfen beitragen können. Die Frage, was aus als „(vorläufig) gescheitert“ bewerteten Hilfeprozessen gelernt werden kann, wird in diesem Heft aus dem Blickwinkel der Betroffenen, der Mitarbeiter*innen freier Träger, aus der Sicht der Jugendämter, der Statistik und der Forschung zu diesem Thema betrachtet. Dabei werden den Leser* innen Dimensionen, die für Scheitern eine Rolle zu spielen scheinen, angeboten, ohne eine abschließende Lesart im Sinne eindeutiger Definitionen des Gelingens und Scheiterns vor(weg)zunehmen.

Im einführenden Beitrag von Werner Freigang wird die Geschichte des Diskurses um das Scheitern in den letzten 40 Jahren angerissen und es werden die strukturellen Ungereimtheiten im Jugendhilfesystem dargestellt, die Prozesse des Scheiterns eher forcieren, als dass sie diese als „bearbeitbar“ beschreiben.

In einem darauffolgenden Interviewgespräch berichten zwei junge Menschen und ein pädagogischer Mitarbeiter eines Jugendhilfeprojekts im Dialog mit der Redaktion über eigene Erfahrungen mit Abbrüchen in den Systemen Schule und Jugendhilfe. Ihre subjektiv beschriebenen und bewerteten Erfahrungen weisen auch auf ungelöste Problemstellen hin, die – über die Einzelfallgeschichten hinaus – verallgemeinerbare Erkenntnisse darüber zulassen, was aus dem Scheitern von Hilfe gelernt werden könnte bzw. müsste.

Nicole Rosenbauer wirft sodann einen Blick auf Scheitern aus der Perspektive von strukturellen Barrieren und Schwellen im Hilfesystem. Sie betrachtet vom Einzelfall abstrahierte Forschungserkenntnisse zu der Frage, welche Faktoren die Inanspruchnahme von Hilfe erschweren. Dies führt sie zu der Forderung nach mehr „Orten des Zuhörens und Sprechens“ über blockierende und hemmende Faktoren in Hilfeprozessen sowie zu der Frage, ob eine „bedingungslose Jugendhilfe“ strukturelle Risikofaktoren für das Scheitern von Hilfen abfedern könnte.

Die Relevanz dieser Forderungen zeigt sich einmal mehr im darauffolgenden Beitrag von Laura, die von ihren Erfahrungen auf der Straße mit ihren Hunden als Weggefährten berichtet. Am Beispiel des Tierhaltungsverbots in (Not-) Einrichtungen wird deutlich, wie bereits der Zugang zu Hilfen für Jugendliche in bedrohten Lebenslagen strukturell verstellt ist, weil er an Bedingungen geknüpft ist, die bedeutsame Aspekte ihrer Alltagsrealität ausblenden.

In einem Praxisgespräch diskutieren Vertreter* innen eines öffentlichen und freien Trägers mit der Redaktion über ihre Erfahrungen und fachlichen Sichtweisen auf unplanmäßig beendete und von Abbrüchen bestimmte Hilfeverläufe. Schließlich fokussieren Sarah Blume und Valentin Kannicht im letzten Beitrag die professionelle Beziehungsgestaltung unter der These, dass mit dem Zulassen der Möglichkeit des Scheiterns neue Bedingungen für gelingende Beziehungsgestaltung geschaffen werden.

Werner Freigang, Valentin Kannicht

 

Aus dem Inhalt:

Werner Freigang: Scheitern in der Jugendhilfe

Valentin Kannicht im Interviewgespräch: Erfahrungen mit Abbrüchen im System Schule und Jugendhilfe

Nicole Rosenbauer: Das Risiko des Scheiterns hat System. Strukturelle Barrieren und Schwellen der Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung

Laura: „Mein Rucksack und meine Hunde waren alles was ich hatte!“ – Erfahrungsbericht aus Adressat*innenperspektive

Tina Stremmer im Gespräch mit Julia Weretecki und Andreas Dohrn: Wenn Hilfen nicht nach Plan laufen – Erfahrungen zu Abbrüchen und Übergängen aus der Sicht der öffentlichen und freien Jugendhilfe

Sarah Blume, Valentin Kann nicht: Gelingen und Scheitern in der professionellen Beziehungsgestaltung mit jungen Menschen

Joachim Merchel: „Parteilichkeit“: eine diffuse Kategorie, die auch durch Aktualisierungsbemühungen nicht für die Praxis der Sozialen Arbeit gerettet werden kann!

Norbert Struck: Der Referentenentwurf eines Gesetzes zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen ( KJSG )

Peter Schruth: Über die Instrumentalisierung angeblicher Mitwirkungspflicht

Seiten
64
Erscheinungsjahr
2020
Ausgabe
5
Sammelband
Nein
Ausgabe Jahr
2020